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Auf der Suche nach der optimalen Sitzposition!

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Erfahrungsbericht von Harald Schwarzmann:
 
Ich möchte euch über meine Erfahrungen mit einer professionellen Sitzpositions-Analyse berichten. Ich habe immer wieder Probleme im unteren Rücken bei langen Bergfahrten. Alle paar Kurbelumdrehungen muss ich dann die Position wechseln. Und da dieses Jahr die Tour-Transalp ansteht und ich befürchte dass da doch der ein oder andern längeren Anstieg vorkommt, wollte ich das Problem richtig angehen.
 
Nach einiger Internet-Recherche entschied ich mich für Jens Machacek in Bad Soden bei Frankfurt http://www.fahrradbiometrie.de.
Er ist Orthopädietechniker, Bewegungsanalytiker und hat ein Patent auf orthopädische Radschuhumbauten. O.k. dachte ich mir, ruf ich da mal an zum Termin vereinbaren. Denkste – Wartezeit 3 Monate bis nach der Transalp! Hat dann aber doch noch geklappt, ich solle für die Analyse etwa 2 – 3 Stunden (!) Zeit mitbringen.
 
Erst mal wird ohne Rad eine optische Kontrolle (nein, nicht der Frisur oder gar der Figur) gemacht. Schulterbreit hinstellen, sofort Beinlängendifferenz erkannt und dann per Messung auch ermittelt.
Hmm – die rechte Schulter hängt. Mal einen Unfall gehabt oder beruflich einseitig schwer belastet?
 
Dann barfuß auf eine Druckmeßplatte stellen. Auf einem Monitor kann man anhand von Farbverläufen die Druckverteilung innerhalb des Fußes sehen. Aha – der Fuß des verkürzten Beines steht verkrampft um die Dysbalance auszugleichen. Knick- Senkfuß sowieso.
 
Anschließend wurde mein eigenes Rad in eine Hinterbaurolle eingespannt. Messpunkte an Achillessehne, Wade, Becken geklebt und so dann aufs Rad gesetzt. Lockeres Kurbeln und Aufzeichnung von hinten per Videokamera.
Die Besprechung der Zeitlupenaufnahme am Bildschirm: Aufgefallen ist sofort, dass das Rad bei jeden Tritt deutlich in Richtung des kürzeren Beines kippt und der Oberkörper zum Ausgleich in die andere Richtung. Durch die Punkte auf dem Becken kann man auch sehen dass die Wirbelsäule schief steht. Die Knie weichen bei jedem Tritt nach außen weg. Spitzfuß links bei jedem Tritt. Auch die hängende Schulter ist wieder da.
Boah – sehen ich von hinten wirklich soo schäpps aus?! Ich entschuldige mich hiermit vielmals bei allen, die mit mir bisher in einer Gruppe fahren mussten für das optische Desaster!
Druckmessfolie in die Schuhe gelegt und verkabelt. Druck links und rechts gemessen: Differenz 50%!! Er meint das wäre schon o.k. so und liege im Normalbereich. Es gab schon Probanden mit 300% Unterschied. Und bei meinem optischen Eindruck hatte er mit mehr gerechnet. Danke!
Aber was schwerer wiegt: man bekommt graphisch den Druckverlauf angezeigt. Und da sind bei jedem unteren Totpunkt der Kurbel drei Belastungsspitzen zu sehen, verursacht durch den Spitzfuß.
 
Analyse.
Sattelhöhe überprüft - passt ganz gut obwohl diese bei mir ja immer ein Kompromiss zwischen linken und rechten Bein ist. Rahmen dürfte etwas kürzer sein, ist aber noch im Toleranzbereich.
Schuhplattenposition optimiert. Richtig zum berühmten „Großzehengrundgelenk“ ausgerichtet und Winkel korrigiert. War bisher nicht optimal. 
Sattelposition: viiiel zu weit hinten! Dadurch rotiert das Becken und die Knie weichen seitlich aus, weil durch die zusammengefaltete Position der Oberschenkel nicht genügend Bewegungsfreiheit zum Oberkörper hat. Den Sattel komplett nach vorne geschoben – es fehlt trotzdem noch einiges. Eine gerade Stütze muss her.
Sattel muss waagerecht sein (die Nase hatte ich bisher leicht nach oben geneigt, weil ich sonst nach vorne rutschte). Durch die neue Sattelposition rutsche ich nun nicht mehr vor. Und da der Sattel vorne nicht mehr ansteigt hat das Becken mehr Führung und bleibt ruhiger.
Teilweiser Ausgleich der Beinlänge durch Platte unter dem Schuh. Wird von Jens angefertigt und mir zusammen mit längeren Schrauben für die Pedalplatten zugeschickt. Es werden nur 3 mm ausgeglichen, mehr ist nicht ratsam.
 
Danach hat er noch ein paar grundsätzliche Sachen besprochen, die die meisten Fahrer falschmachen:
Es werden fast immer zu große bzw. zu lange Rahmen gekauft. Besser ein kürzeres Oberrohr und dadurch auch in Bremsgriffhaltung angewinkelte Ellbogen. Dann schmerzen die Schultern und Handgelenke nicht, der Druck aufs Vorderrad wird größer, die Fahrstabilität (vor allem in den Abfahrten) wird höher.
Keine gekröpften Sattelstützen – fast alle sitzen zu weit hinten. Die Anleitungen in den Zeitschriften mit Kniescheibe im Lot zur Pedalachse sind falsch, die Mitte des Kniegelenks ist der Bezugspunkt zur Achse.
Am heftigsten aber bemängelte er die Schuhe eines großen amerikanischen Herstellers, der mit seinem besonders orthopädischen Fußbett wirbt. Fast alle seiner Kunden mit den Schuhen haben Probleme, da diese die Knie in eine unnatürliche O-Bein - Haltung zwingen.
 
Mein Fazit: ich sitze jetzt viel harmonischer auf dem Rad. Den Effekt an langen Anstiegen werde ich erst noch sehen, denke aber dass es jetzt passt. Und wenn man bedenkt für welchen Unsinn am Rad Geld ausgegeben wird  sind die €125,-- sicher gut angelegt.
 

Jeder der Probleme oder Schmerzen beim Fahren hat hat sollte über eine Sitzpositionsanalyse nachdenken.